Nach meinem Kurzurlaub in Livingstone bei den Viktoriafällen ging es nach zwei Tagen Arbeit auch schon wieder auf einen Wochenendausflug. Der Anlass war der Besuch zweier französischer Freiwilligen aus Monze (im Süden von Sambia zwischen Lusaka und Livingstone), Violene und Constance, die von der selben Organisation sind wie meine beiden Mitbewohner Andreas und Jean-Baptiste. Die Beiden hatten während meiner Abwesenheit einen Kurztrip nach Shiwa Ng’andu geplant, einem Ort ziemlich genau 100km nördlich von Mpika. Der Name Shiwa Ng’andu bedeutet “See der königlichen Krokodile”, welche sich dort im Gewässer tummeln. Der See sowie ein großflächiges Gebiet um ihn herum wurde ca. 1920 während der Kolonialzeit von dem britischen Gouvaneur Stuart Gore Brown vom Stammesoberhaupt des Gebiets abgekauft, weil er sich in Nordrodhesien (dem damaligen Name von Sambia) niederlassen wollte. Er war ein verfechter der britischen Kolonialpolitik gegenüber dem afrikanischem Volk, sodass er auf seinem Land einen Gegenpol schaffen wollte. Er arbeitete eng mit der Bevölkerung zusammen, baute mit ihnen Brücken, Schulen, ein Krankanhaus, für einige der Angestellte schöne, massive Häuser, die bis heute stehen, bewohnt sind und im ganzen Land ihres Gleichen suchen und betrieb mit ihnen Land- und Viehwirtschaft. Um 1925 beschäftigte er stolze 1800 Arbeiter und brachte beträchtlichen Wohlstand für die Menschen in der Region. Für sich selbst baute er ein großes Haus, besser gesagt Anwesen, auf einem kleinen Hügel, welcher den See überblickt. Er wurde bei den Einheimischen wie auch bei den Briten geschätzt, obwohl er oft uneins mit der britischen Kolonialregierung und maßgeblich an den Unabhängigkeitsbemühungen beteiligt war. Bei seinem Tod, Sambia hatte bereits die Unabhängigkeit erlangt, erhielt er als bisher einziger Weißer in Afrika ein Staatsbegräbnis und wurde auf einem Berg beerdigt, welcher Shiwa Ng’andu überblickt. Eine Ehre, welche sonst ebenfalls nur Bembahäuptlingen vorbehalten ist.
Heute wird das Haus von Charlie, einem seiner vier Enkel, und seiner Familie bewohnt. Er verwaltet das ganze Gebiet, sowie die noch immer stolze Zahl von rund 1200 Angestellten. Die Diözese steht mit ihm in guten Kontakt und er ist ein enger Freund von Thomas, unserem Chef und Schatzmeister, sodass wir bei unserer Ankunft eine exklusive Führung von Emma, seiner Tochter, erhielten. Es war sehr spannend durch die alten Gemäuer dieses Anwesens, welches genauso gut irgendwo in Großbritannien stehen könnte, zu schlendern. Man vergaß im Inneren wirklich für einen Moment, in welchem Land man sich gerade eigentlich befand.
Im Anschluss an die Tour im Shiwa-Haus besuchten wir die heißen Quellen in Kapishya, einem Ort ca. 20km vom See entfernt, welcher jedoch noch immer zum Privatgrundstück der Familie gehört. An den heißen Quellen befindet sich eine Lodge, welche von Charlie’s Bruder Mike betrieben wird. Es war für mich das zweite Mal, dass ich in dieses natürliche, heiße Bad hineinstieg, nachdem ich mit Andreas, Franzi Klein und Linda aus Ndola, sowie Franzi Leidreiter einen Tag vor Weihnachten schon einen Tagesausflug nach Kapishya machte. Glücklicherweise hatten wir erneut einen bedecken Himmel, sodass die Temperaturen mit einem kühlen Bier in der Hand erträglich waren. ;)
Als wir von den heißen Quellen wieder aufbrachen, wurde es bereits dunkel. Zuvor mussten wir allerdings noch eine Reifenwechsel-Aktion starten. Auf der Fahrt quetschten wir uns wieder einmal zu Fünft (Ich, Jean-Baptiste, Violene, Constance, sowie Franzi Leidreiter, die momentan noch in Mpika weilte und sich uns anschloss) in unseren treuen, roten Rocky. Andreas fuhr mit dem Motorrad, welches er von Thomas ausgeliehen hat, hinterher. Unser Gefährt leistete erneut gute Dienste, allerdings wurde die Belastung für eines der Hinterräder wohl zu viel, sodass wir unterwegs, mitten im Nirgendwo, eine Reifenpanne erlitten. Wir setzten unsere Fahrt mit dem Ersatzrad fort, beschlossen aber in Kapishya das etwas abgefahrene Ersatzrad, sowie den noch mehr abgefahrenen, zweiten Hinterreifen durch die noch besseren Vorderreifen auzutauschen.
Nach getaner Arbeit machten wir uns auf den Weg zurück zum See, wo wir die Nacht verbringen wollten. Die Diözese hat dort, ein paar Kilometer vom Shiwa-Haus entfernt, ein eigenes Haus errichtet, welches allerdings noch auf den letzten Schliff wartet. Zum darin übernachten, wenn auch in staubiger Umgebung, reicht es allerdings allemal und es wurde uns freundlicherweise für das Wochenende zur Verfügung gestellt. Die Küche ist schon sehr gut ausgestattet und wir grillten ein paar mitgebrachte Würste und Kartoffeln und machten einen Tomatensalat dazu. Fürs flüssige hatten wir mit einer 5l Box Wein vorgesorgt. :)
Am nächsten Morgen war eine Bootstour angesagt. Erneut ermöglicht mit freundlicher Unterstützung von Thomas, der im Besitz von drei Schlauchbooten ist und diese uns zur Verfügung stellte. Mit ihnen wollten wir direkt vom Haus aus den Mansya Fluß hinunterpaddeln, welcher sich vom See an durch die Landschaft schlängelt. Unsere Tour sollte an den heißen Quellen vorbei gehen, bis dann ca. 1 ½ Stunden später vier aufeinanderfolgende, kleine Wasserfälle unsere Endstation markierten. Unterwegs soll man in den Genuss kommen, über ein paar spektakuläre Stromschnellen zu reiten, was sich auch bewahrheitete. Ich saß mit Franziska in einem 2er-Boot und wenn man schon alleine keine großen Erfahrungen im Steuern eines Schlauchbootes aufzuweisen hat, kann man sich ja vorstellen, wie das zu zweit ausschaut. ;) Dementsprechnd mussten wir unterwegs an der ein oder anderen Stelle Wasser schlucken. Meine Badlatschen und Franziskas Flip Flops bezahlten das ganze sogar mit ihrem Leben und ihre Kadaver treiben vermutlich noch immer irgendwo auf dem Fluß herum. ;)
An einer etwas ruhigeren Stelle war der Fluß dann so eng und von Bäumen zugewuchert, dass es unmöglich war, unbeschadet durchzukommen. Wir trieben von einem Baum auf den Nächsten und wurden von den Ästen und Zweigen teilweise regelrecht verschandelt. An dieser Stelle rauschte die Motivation in unserer Truppe in den Keller, aber wir hatten keine andere Wahl, als uns irgendwie durchzuquälen. Schließlich waren wir noch gute drei Stunden von den heißen Quellen entfernt, wo wir die Tour frühestens beenden konnten. Glücklicherweise wurde der Fluß nach einer Weile wieder breiter, sodass wir die Fahrt unbeschadet fortsetzen konnten und es blieb bei uns allen bei einigen Kratzern.
Kurz vor Kapishya hatte Andreas dann noch ein Krokodil in den Fluß huschen sehen. Das Gebiet hatte seinen Namen ja schließlich nicht von irgendwo her, jedoch versicherte uns jeder, dass die Bootstour (abseits vom See und in schnellerem Gewässer) absolute sicher sei. Es passieren zwar Zwischenfälle (vor allem mit Hunden), jedoch fast ausschließlich im Dezember und auch nur sehr wenige. Krokodile greifen einen auch nur am Ufer an und gehen nicht auf Boote los. Trotzdem ein mulmiges Gefühl. Es blieb jedoch bei diesem einzigen, kurzen Sichtkontakt und auch nur für Andreas.
Ziemlich platt erreichten wir schließlich die Lodge in Kapishya, wo wir uns erst einmal stärkten, sowie in der Sonne aufwärmten und trockneten. Bis auf Constance, die nach der Krokodilsichtung eine Weiterfahrt scheute, setzten wir alle unsere Reise bis zu den Fällen fort. Auf diesem Weg befanden sich auch die meisten Stromschnellen, allerdings konnten wir im Laufe des Tages unsere Paddelkünste schon so weit verbessern, dass es dieses Mal kein weiteres Bad für mich und Franziska gab. Die Tatsache, dass Franziska mich auf der gesamten Bootstour kein einziges Mal anschreien musste (Zitat Franzi :) ), bestätigte unser gut funktionierendes Duo. Es hat sich echt gelohnt, an dieser Stelle nochmal den inneren Schweinehund zu überwinden und die letzten 1 ½ Stunden dranzuhängen.
Von einem Fahrer der Lodge wurden wir dann wieder zurück zum Haus der Diözese gebracht, allerdings hat sich unsere Bootstour so sehr in die Länge gezogen, dass es schon wieder Nacht war. So sahen wir von einer Fahrt nach Hause ab, erst recht ohne ein Ersatzrad und beschlossen, lieber noch eine Nacht am See zu verbringen. Von der Lodge und dem Shiwa-Haus kauften wir noch ein wenig Gemüse, Obst und einige Eier und wir bruzelten uns zu Hause noch, wie immer nach so einem ereignisreichen, wie anstengenden Tag, ein super duper Abendessen!
Nach unserer Rückkehr hielt es mich allerdings erneut nicht lange in Mpika. Genau einen Tag verbrachte ich im Büro, um daran zu arbeiten, das Programm für das Lager auf dem zugehörigen Computer aufzusetzen und einen weiteren Tag in Chilonga am Krankenhaus, da brach ich mit dem polnischen Priester Waldemar in seine Außenstelle Nabwalya im Luangwatal auf. Als kleine Gedankenstütze: Über Neujahr bin ich bereits mit Ihm, Andreas und zwei Sambiern unter schaufelnden und schiebenden Einsatz am Geländewagen hier gewesen. Jetzt also zum zweiten Mal mit Ihm und Smart (zu deutsch klug/fesch :) ), der aus Nabwalya stammt und vor Ort die beiden Fahrzeuge von Waldemar in Schuss hält. Auch das Autoschieben blieb aus, da es mittlerweile wieder trocken genug ist. Einige weggespülten Streckenabschnitte wurden mit Erde aufgeschüttet oder ein neuer Pistenabschnitt wurde durch den Busch gehauen. Für drei Nächte waren wir dort. Ich musste vor allem deshalb mit, um mit einigen Arbeitern Steine zu holen, ein wenig Ordnung in sein kleines Lager zu bringen, sowie vor allem mit seinem zweiten Auto zurück nach Mpika zu fahren. Er benötigt dort beide, um einige Materialien, vor allem Zement, zurück nach Nabwalya zu transporierten. Ich werde also noch ein weiteres Mal als Fahrer herhalten und die abendteuerliche Fahrt durch den Busch mit möglichen Tierbegegnungen (auf der Fahrt nach Nabwalya begegnete uns ein Elefant, sowie eine Antilope) antreten. Beim zweiten Besuch ist auch ein längerer Aufenthalt vor Ort geplant, in dem ich hier und da ein wenig mitarbeite und das Material im Tal umherkutschiere.
Überschattet wurden die Tage in Nabwalya allerdings durch eine kleine Verletzung meinerseits am linken Fuß. Ich hatte mir neben den zahlreichen Kratzern auf der Bootstour auch einen genau in der Falte des kleinen Zehs zugezogen, den ich allerdings nicht bemerkte. Die Wunde hat sich nach zwei Tagen entzündet und nachdem zuerst der Zeh anschwoll, folgte tags darauf bei der Arbeit im Krankenhaus der ganze Fuß. So war ich in den Tagen in Nabwalya an einen Minimalradius um meine Schlafstätte gebunden und verbrachte die Zeit mit Antibiotika schlucken und lesen. Anhaltendes laufen schmerzte einfach zu sehr. Zumindest das Lager konnte ich sortieren, was aber Fußtechnisch schon anstrengend genug war. Das einsammeln der Steine wäre allerdings ohnhin nicht möglich gewesen, da viele der Jungs nicht vor Ort waren. Einen Tag vor der Abfahrt erkrankte auch noch Waldemar ein wenig. Er wurde vor zwei Wochen von einem Skorpion gestochen und die Wunde an seinem Daumen hatte sich ebenfalls entzündet, sodass wir für einen Tag die Antibiotika teilten und uns nach der Rückkehr Nachschub im Krankenhaus holten.
Am Tag der Heimreise ging es mir, Pillen sei Dank, auch schon wieder soweit besser, dass ich ohne Probleme einen der Geländewagen steuern konnte. Das war echt ein Erlebnis und stellenweise über die unwegsamen Pisten echt eine Herausvorderrung. Wir benötigten für 70km, den schlechtesten Teil der Strecke, ganze 4 Stunden, was denke ich mal schon alles sagt. Kurz vor dem Ende der schlechten Strecke, im Aufstieg aus dem Tal über Felsen uns spitzes Geröll, wollte mir Waldemar, der voraus fuhr, eine gefährliche Stelle zeigen und stellte geistesgegenwärtig den Motor aus. Ein falscher Fehler bei einem Auto, das mit defekter Batterie und Anlasseser läuft. Im beiden Wagen saß jeweils noch eine gebrächliche, alte Frau, auf deren Hilfe beim schieben gar nicht erst zu denken war. So hantierten wir mit der Seilwinde und dem anderen Auto umher, bis er es schließlich schaffte, sein Gefährt rückwärts ohne Zündung wieder zu starten. Nach 5 ½ Stunden und 140km hatten wir dann wieder Mpika erreicht, inklusive zwei Stunden Nachtfahrt. Und ich kann mich nun rühmen, die wohl schlechteste Straße Sambias bezwungen zu haben. ;)
Viel Zeit zum Ausruhen bleibt allerdings nicht, denn am kommenden Freitag geht’s schon wieder los. Dieses Mal für mindestens eine, maximal zwei Wochen. In der Zwischenzeit versuche ich so viel wie möglich meiner Tätigkeiten in und um Mpika zu erledigen und ein paar Sachen für Nabwalya vorzubereiten, wie zum Beispiel Zement holen. Ich melde mich dann wieder, wenn ich aus dem Busch zurück bin. ;) Euch allen wünsche ich auch eine gute Zeit im frühlingslosen Deutschland! Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Positiv denken. :)
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| 01.05.10 - 03.05.10 Shiwa Ng'andu und Bootstour auf dem Mansya-Fluß |
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| 06.05.10 - 09.05.10 Nabwalya |











