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Sonntag, 3. Januar 2010

Harte Arbeit unter Zebras und Antilopen

Hallo alle zusammen! Da bin ich auch schon wieder. Zurück von unserem vier-tages-Trip nach Nabwalya. Es war wirklich der Wahnsinn. Ich schwafel auch gar nicht lang rum sondern fang einfach gleich mal an zu Erzählen.

Wie im letzten Eintrag bereits erwähnt, hatte Waldemar, unser vorrübergehender Chef während Thomas Abwesenheit, es gemeinsam mit mir und Andreas versuchen wollen, seine Wahlheimat Nabwalya, wo er eine Außenstelle der Diözese gerade aufbaut, zu erreichen. Nabwalya befindet sich im Luangwa-Tal, an der nördlichen Grenze des South Luangwa Nationalparks mitten in der Jagdregion. Der Nationalpark ist einer von vielen hier im Land und ist ein Naturschutzgebiet, vor allem für die afrikanische Tierwelt, wie z.B. Löwen und wie sie alle heißen. In den Nationalparks gibt es auch keine Siedlungen. Rund um den South Luangwa Nationalpark befindet sich eine Pufferzone, in der es auch erlaubt ist zu jagen, vorrausgesetzt, man hat eine Jagdlizenz (kein Jagdschein!) und schießt nur für die Jahreszeit freigegebenes Wild ab. Also z.B. Antilopen, Büffel, Warzenschweine, …, eben alles, was zum Essen verwendet wird. Elefanten, Löwen, usw. dürfen nicht gejagt werden, es sei denn, es handelt sich um eine Überzahl die das Gleichgewicht der Tierarten bedroht. In diesem Fall wird jedoch meist versucht, den Überbestand in andere Nationalparks, wo sie Mangelware sind, umzusiedeln. Zur Überwachung der Wilderei gibt es in Sambia auch Wildhüter, die über das ganze Land verteilt die Nationalparks und vor allem die Jagdgebiete überwachen. In genau dieser Pufferzone befindet sich also auch Nabwalya, das Hauptdorf eines Verbundes vieler kleinerer Dörfer, die sich ebenfalls in der Pufferzone befinden. Verbund deshalb, weil es einen Chief in Nabwalya gibt, der das Stammesoberhaupt bildet. Summa summarum immerhin rund 10 000 Seelen. Um das Dorf zu erreichen geht es von Mpika zuerst rund 40km richung Süden. An Chilonga, wo sich auch das Krankenhaus befindet in dem ich viel arbeite, vorbei und dann noch 120km nach Osten in den Busch über mehr oder weniger befahrbaren “Straßen”. Auf dem Weg passiert man zwei Lager der Wildhüter, welche Waldemar normalerweise immer als Stationen zum nächtigen nutzt, wenn er in der Regenzeit Nabwalya verlassen will oder muss und dann dazu gezwungen ist, zu laufen. Also genau zu der Jahreszeit, in der wir uns gerade befinden. Wie ich aber ebenfall im vorherigen Eintrag erwähnt habe, war gerade der bisher verhältnismäßig “schwach” ausfallende Regen der Grund dafür, die Reise mit dem Auto anzutreten. Ich habe ja keine Vergleichsmöglichkeiten, dadurch das schwach in Anführungszeichen, denn in Mpika regent es mittlerweile jeden Tag, mitunter auch stark und teilweise ohne Unterbrechung.

So machten wir uns also am Silvestermorgen auf den Weg. Es war von Anfang an ungewiss, ob wir nicht auf halber Strecke (vor dem Abstieg ins Tal) dazu gezwungen sein werden, wieder umzukehren, da uns konstanter Regen auf der Fahrt begleitete. Im Tal müssen nämlich einige, kleinere Flüsse durchquert werden und der Boden besteht größtenteils aus einer Schwarz-grauen Lehmerde, in der man schnell festsitzt. Wir sollten uns ja von Anfang an auf eine arbeitsreiche Reise mit viel Körpereinsatz einstellen und waren dazu bereit, unser Bestes zu geben. Die Fahrt bis zum ersten Wildhüterlager verlief trotz regen aber dank relative gut befestigter Buschpisten und Allradantrieb problemlos. Vor dem Absteig ins Tal checkten wir am Lager über Funk die Wetterlage am zweiten Lager und ob die Strecke mit dem Geländewagen passierbar ist. Wir bekamen grünes Licht auf eigene Gefahr und entschlossen uns, trotz schwarzer Wolken im Tal, die Fahrt fortzusetzen. Zwei der Wildhüter schlossen sich uns an, zum einen weil sie auch nach Nabwalya wollten aber zum anderen, um noch zusätzliche Muskelkraft zur Verfügung zu haben. Eine echte Notwendigkeit, wie sich schon bald herausstellen sollte. Auf dem weiteren Weg blieben wir wirklich unzählige Male mit dem Auto stecken. Beim zehnten Mal habe ich das Zählen aufgehört, denn es ging weiter und weiter. Bei jeder Flußdurchquerung schafften wir den Ausstieg aus dem Flußbett nicht. Hinzu kamen die vielen überfluteten Streckenteile und der glitschig-matschige Boden. Immer wieder half alles schieben und schaufeln nichts, sondern es musste die Seilwinde herhalten, die glücklicherweise zur Grundausstattung eines solchen Gefährts gehört. Ohne hätten wir keine Chance gehabt. Unterdessen regnete es freudig weiter und wir waren allmählich nass bis auf die Knochen. Auf halber Strecke entledigte ich mich auch meiner Wanderschuhe, bei denen ebenfalls das wasserdichte Material schon lange seine Belastungsgrenze überschritten hatte. Stattdessen watete ich weiter Barfuß im Schlamm rum oder stand bis zu den Schenkeln im Wasser. Unsere mitgereisten Wildhüter hatten natürlich durch ihre Erfahrung mitgedacht und gleich von Beginn an das Schuhwerk weggelassen. Danke für den Tip! :) Es war wirklich anstrengend und ermüdend, aber je öfter man ausstieg zum ackern desto mehr Spaß machte es irgendwie. Daran konnten auch die penetranten Tsetsefliegen nichts daran ändern, welche sogar im Auto zur Plage wurden und einem nach dem Blut trachteten. Außerdem weiß ich nun, wofür man diese Haltegriffe über dem Fenster hat. Ohne die hätte ich wohl eine mittelschwere Gehirnerschütterung. :) Völlig platt erreichten wir aber kurz vor Sonnenuntergang und nach siebenstündiger Fahrt unser Ziel Nabwalya. Eine warme Dusche durfte man allerdings natürlich nicht erwarten. Für die nötige Aufwärumung sorgten dafür Tee und eine ordentliche Brotzeit, sowie ein Gläschen Wein, welchen Waldemar mitgebracht hatte, als Belohnung. Man darf ja nicht vergessen, es war immer noch Silvester! Auch wenn das wohl das bisher arbeitsreichste meines Lebens war und mir am Abend andere Dinge wichtiger waren, als der bevorstehende Jahreswechsel. Waldemar hat sich wirklich ein kleines Paradies in Nabwalya geschaffen. Drei Wohnhäuser, eines für den Priester (also momentan er) und zwei Gästehäuser (eines davon teilten ich mir mit Andreas), sowie ein Ess- und Wohnzimmer. Alle im afrikanischen Stil gebaut und passen wirklich perfekt hier her. Er hat sogar eine Solarpumpe, die ihm das Wasser aus einem Bohrloch in einen Wassertank pumpt und somit fließend Wasser in den Häusern. So saßen wir noch ein wenig in seinem Wohnzimmer zusammen, tranken Wein und warteten auf Mitternacht. Waldemar machte um 22Uhr schlapp, ich und Andreas hielten es noch eine Stunde länger aus bis auch uns die Müdigkeit dahinraffte. Wir quälten uns aber auch die letzte Stunde noch bis Mitternacht durch, wünschten uns ein frohes Neues und ab ging es ins Bett. :)

An Neujahr war am Morgen erstmal Gottesdienst angesagt. Zuvor erkundeten wir allerdings noch ein wenig das Dorf. Beim Gottesdienst in der kleinen Kirche wurden wir am Ende noch nach vorne geholt, den ganzen Leuten vorgestellt und unter Trommeln und Gesang schüttelte uns einer nach dem anderen zur offiziellen Begrüßung die Hand. Eine wirklich nette Geste. Für den Rest des Tages und auch den darauffolgenden Tag ging es dann wieder an die Arbeit. Waldemar möchte im Ort eine neue, größere Kirche bauen und Andreas soll als Architekt selbige aufs Papier bringen. Zuvor hätte er aber gerne noch einen Übersichtsplan über das ganze Gelände, was auch zukünftige Planungen vereinfachen würde. Im August kamen zwar bereits zwei Vermesser aus Lusaka und haben einen Tag lang alle Daten aufgenommen, aber wie es in Sambia eben oft so läuft, ist noch nichts geschehen. Es war also Andreas und meine Aufgabe, das ganze Areal abzugehen und Schritte zu zählen. Das selbe Prozedere für die Gebäude und mit einem kleinen Spielzeugkompass bestimmten wir die Winkel für die Anordnung. Gar nicht so einfach und man fühlte sich echt um Jahrzehnte in der Zeit zurückversetzt. Aber man kann sagen, wir wuchsen an der Herausvorderrung. Wie wir so durch den Busch stampften wurden wir natürlich ständing von allen genau beobachtet, was denn hier diese zwei verrückten Weißschnäbel treiben. Vor allem die Kinder zeigten wie immer reges Interesse. Die Kommunikation war meist auf Zeichensprache beschränkt. Von ein paar schossen wir noch ein Foto und sie waren alle total fasziniert davon, ihr Abbild anschließend auf dem Bildschirm sehen zu können. Dies löste eine wahre Fotografiersucht aus. :) Es sind immer wieder so viele Momente, die man gar nicht beschreiben kann. Auch eben gerade mit Menschen, denen so viele Dinge fremd sind, die bei uns schon fast Alltagsgegenstände sind. Das Leben hier ist mit Sicherheit anstrengender für die Menschen, aber doch auch irgendwie noch natürlicher und daher definitiv nicht ärmer. Einfach faszinierend.

Den letzten Schliff an der Karte musste Andreas dann alleine vollführen, denn ich durfte mit Waldemar ein Abwasserrohr reparieren, welches er beim letzten Mal mit dem Auto zerstörte. Dann war noch eine der Außenlampen kaputt (wo eine Solarpumpe, da ist Solarbeleuchtung nicht weit), bzw. die Verkabelung in der Erde wurde feucht und einige Kabel brannten durch. Mit ein paar Kindern buddelte ich die Anschlüsse frei und wurde bei der anschließenden Verkabelung genau beobachtet. Nun weiß ich auch, was zum Beispiel Glühbirne auf Bemba heißt und die Kinder haben mitunter den Begriff Isolierband auf Englisch dazugelernt. Also eine “Win-Win”-Situation wie man auf Neudeutsch so schön sagt. :)

Um 8Uhr morgens traten wir heute wieder die Heimreise nach Mpika an. Auch wenn es jeden Tag danach aussah, wurden wir, zu unser aller Überraschung, im Tal von weiterem Regen seit Silvester verschont. Natürlich exzellente Nachrichten für die Heimfahrt, da wir statt der unzähligen Male von der Hinfahrt nur noch vier Mal festsaßen und dabei reichte auch schaufeln und schieben schon aus. Auf der anderen Seite aber wieder ein Indiz mehr für die verrückte Regenzeit in diesem Jahr. Vor allem im Tal, wo die Menschen auf die eigenen Erzeugnisse angewiesen sind, denn es gibt im Ort nur drei Autos. Das von Waldemar und zwei der Wildhüter. Öffentliche Verkehrsmittel sind bei der Buschpiste unmöglich. Wollen sie irgendwo einkaufen heißt das 2 ½ Tage Fußmarsch bis zum nächsten großen Dorf, welches Mpika ist. (Eigentlich gilt Mpika schon als Stadt, aber es ist mehr mit einem größeren Dorf von Deutschland zu vergleichen – für alle Älbler: Laichingen kommt ganz gut hin – allerdings ohne Supermärkte) Es war jedenfalls eine super Tour dorthin mit ganz vielen Eindrücken. Auf der Fahrt sahen wir sogar noch Zebras und Antilopen, die seelenruhig nahe der Buschpiste grasten. Echt der Wahnsinn! Ich kann wieder mal einfach nur auf die Bilder verweisen. Vielleicht kann man sich dadurch einen besseren Eindruck verschaffen.

Ich hoffe, ihr seid alle genauso gut in das neue Jahr gestartet! Genießt die restlichen Urlaubstage und die ersten im Jahr 2010!

31.12.09 - 03.01.10 Nabwalya